Hartes, wenig gewinnträchtiges Business

Berechnungen zu den Vollkosten von Kinderkrippen zeigen: Krippenplätze sind teuer.

Ich habe regelmässig Gelegenheit, Kinderkrippen zu beraten. Diese zählen zu meinen Kund/Innen. Dabei habe ich mich schon oft gefragt, wie man die Kosten von Kinderkrippen senken und ihren Gewinn vergrössern könnte. Denn in Beratungen fällt auf, dass Kinderkrippen aufgrund ihrer Kostenstruktur nur selten wirklich interessante Gewinne verbuchen können. Ausnahmen sind entweder grössere Betriebe, die über 40 Plätze anbieten oder aber grössere Trägerschaften, die über verschiedene Standorte verfügen.

Der grösste Teil der Vollkosten von Kinderkrippen wird durch das Personal verursacht. Da dieser Kostenbereich durch die Vorschriften der Kantone, also die Bewilligungsrichtlinien bestimmt und reguliert wird, gibt es hier kaum Spielräume. Der Rest an Kosten, der auf der Ausgabenseite ins Gewicht fällt, betrifft die Miet- und Verpflegungskosten. Aber auch hier gibt es kaum Sparpotenziale.

Ein Gewinn liesse sich deshalb nur über eine Erhöhung der Einnahmen realisieren. Sei es durch vermehrte Subventionen und Spenden, oder aber durch eine Erhöhung der Elternbeiträge. Was letztere betrifft, gibt es aber durch die Gefährdung der Markt- und Konkurrenzfähigkeit ebenfalls nur sehr geringe Bewegungsfreiheit.

Krippenkosten in der Schweiz und in den Nachbarländern

Ausgelöst durch ein Postulat stellte der Bundesrat ganz ähnliche Fragen (Postulat 13.3259, Christine Bulliard Marbach: „Krippen vergünstigen und den Sektor dynamisieren“). Er ging aber noch einen Schritt weiter und fragte, weshalb die Krippenplätze in der Schweiz, verglichen mit dem Ausland, so teuer sind. Zudem wollte er wissen, welche Möglichkeiten es zur Senkung der Kosten von Kinderkrippen gibt.

Die Antworten liegen seit Juli in einem Kurzbericht und einem ausführlichen Grundlagenbericht vor. Gegenstand der Untersuchung ist ein Ländervergleich der Vollkosten von Kinderkrippen sowie von deren Finanzierungs- und Tarifsystemen. Zudem wurde analysiert, wie gross die finanzielle Belastung der Eltern durch die Krippenkosten ist. Neben der Schweiz wurden Krippen in Frankreich, Deutschland und Österreich in die Untersuchung einbezogen. Für die Schweiz wurden Daten von Kinderkrippen im Kanton Zürich und Kanton Waadt berücksichtigt.

Eine Auswahl von Ergebnissen

Hier einige Ergebnisse der anspruchsvollen und sehr aufschlussreichen Untersuchung:

  • Die Vollkosten von Kinderkrippen in der Schweiz betragen im Durchschnitt rund Fr. 111.- pro Tag. Dies liegt im Durchschnitt der Kosten in den ausländischen Regionen. Allerdings ist die Streuung der Kosten zwischen den einzelnen Regionen gross. Der Unterschied zwischen der billigsten und der teuersten Einrichtung beträgt in beiden Kantonen sage und schreibe beinahe 100%!
  • Die Personalkosten machen 72 bis 75% der Gesamtkosten einer Kinderkrippe in der Schweiz aus. Die Situation verhält sich auch in den ausländischen Kinderkrippen ganz ähnlich.
  • In der Schweiz wird häufig nur ein Bruchteil der Krippenplätze subventioniert. In den Nachbarländern hingegen werden grundsätzlich alle Krippenplätze subventioniert.
  • Der Anteil der Krippenkosten, den die Eltern tragen müssen, ist in der Schweiz sehr hoch. Bei einem Einelternhaushalt mit einem Kind beträgt er bis zu einem Drittel des Einkommens, bei einem Paarhaushalt mit zwei Kindern bis zu einem Viertel. Dies ist rund doppelt bis dreimal so viel wie in den ausländischen Vergleichsregionen.
  • Die Eltern in den Nachbarländern bezahlen maximal 20 bis 40% der Vollkosten selber. In der Schweiz dagegen bezahlen gut verdienende Eltern sehr viel mehr, oft sogar das Maximum, nämlich die gesamten Vollkosten.

Kinderkrippen kann man nicht billiger machen

Bemerkenswert sind die Schlüsse, die in der Untersuchung gezogen werden. Diese hält nämlich fest, dass man zwar Einsparungsmöglichkeiten bei den Personalkosten und den Öffnungszeiten sieht, diese jedoch „weil kontraproduktiv“ nicht empfehlen kann. Was die Personalkosten betrifft: Diese sind im internationalen Vergleich zwar deutlich höher, im Vergleich zu anderen Branchen und Berufen in der Schweiz jedoch unterdurchschnittlich. Eine Senkung der Löhne könnte den bereits bestehenden Mangel an qualifiziertem Fachpersonal verschärfen und damit die erwünschte Erhöhung des Angebots gefährden. Bezogen auf die Öffnungszeiten macht die Studie geltend, dass eine Verkürzung das Angebot zwar vergünstigen würde, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf jedoch zuwider läuft.

Mit anderen Worten: Die Vollkosten von Kinderkrippen lassen sich nur mit grossen negativen Effekten vergünstigen. Diese sind jedoch in keiner Weise wünschenswert. Das ist in der Tat gut zu wissen! Die Schlüsse der Untersuchung gefallen mir, denn hier wird nun von quasi hochoffizieller Seite bestätigt, was die Fachleute im Berufsfeld längst schon wissen: Dass man Kinderkrippen beim besten Willen nicht nennenswert günstiger machen kann.

Vollkosten sind höher anzusetzen

Allerdings sei hier eine kritische Bemerkung erlaubt: Die oben erwähnten Vollkosten von durchschnittlich Fr. 111.- fussen auf den Daten der früheren Prognos-Studie (2009). Obwohl kaufkraft- und teuerungsbereinigt, stimmen sie meines Erachtens nicht wirklich mit der Realität überein. Das war vielleicht einmal. Aber sicher nicht heute. Sicher nicht im Kanton Zürich. Und schon gar nicht in den grösseren Städten in der Schweiz. Ich kenne sehr viele Kinderkrippen, deren Vollkosten höher liegen. Und von meiner Beratertätigkeit her weiss ich, dass eine zeitgemäss und auch pädagogisch fortschrittlich angelegte Kinderkrippe gewiss zu Vollkosten von zwischen Fr. 120 bis 130.- führt.

Lösungsansatz: 100 Millionen Franken während 5 Jahren

Doch wie hoch auch immer man die Vollkosten ansetzt: Was kann man also tun, um die Belastung der Eltern durch hohe Betreuungskosten zu senken? Nachdem der Lösungsansatz bereits durch die Presse geisterte, sei er auch hier verraten: Bis im September 2015 lässt der Bundesrat einen Vernehmlassungsentwurf für eine befristete Gesetzesgrundlage ausarbeiten. Mit dem Gesetz will er Kantone, Gemeinden und allenfalls Arbeitgeber, die ihr finanzielles Engagement für die familienergänzende Kinderbetreuung erhöhen, für eine befristete Zeit von fünf Jahren finanziell unterstützen. Insgesamt sind dafür 100 Millionen Franken vorgesehen. Wie und wofür diese eingesetzt werden sollen und welche Voraussetzungen man erfüllen muss, um als Kinderkrippe von dieser Form der Unterstützung profitieren zu können, darauf darf man gespannt sein.

 

In diesem Beitrag erwähnte Quellen:

Beiträge zur sozialen Sicherheit, Forschungsbericht Nr. 3/15: Analyse der Vollkosten und der Finanzierung von Krippenplätzen in Deutschland, Frankreich und Österreich im Vergleich zur Schweiz.

Vollkosten und Finanzierung von Krippenplätzen im Ländervergleich. Bericht des Bundesrates in Erfüllung des Postulats -13.3259 Christine Bulliard Marbach „Krippen vergünstigen und den Sektor dynamisieren“ vom 22. März 2013. 1. Juli 2015.

Beiträge zur sozialen Sicherheit, Forschungsbericht Nr. 3/09: Analyse und Vergleich der Kosten von Krippenplätzen anhand einer Vollkostenrechnung (Prognos-Studie).