In dieser Ausgabe des Päda.tipp! möchte ich eine einfache, aber elementare Erkenntnis aus meiner langjährigen Beratungsarbeit teilen: Der Spagat, den Führungs- und Fachpersonen in Kita und Hort täglich leisten müssen, um allen Anforderungen und Aufgaben gerecht zu werden, ist oft schlicht zu gross. Die Folge sind Überforderungen und Überlastung. Wer diese Dynamik stoppen will, sollte den Spagat verkleinern.
Ein Spagat ist eine akrobatische Pose, bei der die gespreizten Beine eine gerade Linie bilden. Er spielt im Ballett, Turn- und Kampfsport und Yoga eine wichtige Rolle. Im übertragenen Sinn bedeutet ein Spagat, Unvereinbares unter einen Hut zu bringen und sehr unterschiedliche Positionen zu berücksichtigen.
Genau diese akrobatische Höchstleistung wird im Betreuungsalltag permanent erwartet. Es gilt, den Bedürfnissen von Kindern, Eltern, Mitarbeitenden, Vorgesetzten und Lernenden gleichzeitig gerecht zu werden. Doch wo Sportsgeist in dauerhafte Überdehnung umschlägt, folgen Schmerzen und Stress. Besonders betroffen sind Kita-, Hort- und Gruppenleitungen.
Wenn die Leitung zur Lückenbüsserin wird
Kita- und Hortleitungen erfüllen oft ein übervolles Pflichtenheft. Sie führen ihren Betrieb und das Personal, arbeiten fix in der Kinderbetreuung mit, bilden Lernende aus und pflegen die Kund/Innen. Fällt Personal aus, werden sie zur eigenen Aushilfe. Im Extremfall stehen sie sogar selbst in der Küche. In einer solchen Überlastung ist es unmöglich, allen Ansprüchen gleichermassen gerecht zu werden. Der Fokus verschiebt sich vom Gestalten zum reinen Überleben.
Mehrfachbelastung der Gruppenleitungen
Auch Gruppenleitungen sind solchem Stress ausgesetzt. Oft nehmen sie mehrere Funktionen wahr. Primär sind sie Fachpersonen im Kerngeschäft der Kinderbetreuung. Sekundär tragen sie Führungsverantwortung für ihr Team. Nicht selten kommt auch noch die Rolle als Berufsbildner/In dazu. Diese Dreifachrolle zerreisst die Betroffenen in ihrem Arbeitsalltag.
Noch schwieriger ist es für Stellvertreter/Innen von Krippen- und Hortleitungen. Meist als Gruppenleitungen angestellt, leisten sie ohnehin schon den täglichen Spagat. Kommt eine echte Führungs-Stellvertretung hinzu, steigt die Belastung nochmals deutlich.
Konzentration auf Hauptaufgaben verhindert Zermürbung
Dauerhafter oder wiederkehrender Spagat führt zu Verschleiss. Wenn Führungs- und Fachkräfte abends mit dem unguten Gefühl nach Hause gehen, weder den Kindern noch dem Team und ihren Lernenden gerecht geworden zu sein, nagt das an ihrem Selbstwertgefühl und ihrer Motivation. Aus psychologischer Sicht ist es für den Erhalt der Arbeitsfreude aber essenziell, den Tag mit einem Erfolgserlebnis zu beenden.
Die Lösung liegt in einer klaren Aufgabenverteilung und der Konzentration auf Hauptaufgaben. Dabei sind die folgenden vier Hebel wichtig.
Punkt 1: Kita- und Hortleitung entlasten
Leiter/Innen von Kitas und Tagesstrukturen sollten sich von Betreuungs- und Ausbildungsarbeit entlasten und diese so gut wie möglich delegieren, um sich auf ihre Führungsrolle zu konzentrieren. Ein stabiler Aushilfspool verhindert, dass die Leitung ständig einspringen muss. Zudem entlastet eine Ausbildungsverantwortliche das System. Bereits früher zeigte ich auf, dass die Schaffung einer Stelle für eine Ausbildungsverantwortliche ab 3 – 4 Lehrstellen sinnvoll ist (vgl. hierzu Päda.tipp! 3).
Für die Berechnung des Führungspensums gilt als Richtwert:
- Kita: ca. 25 % Führungszeit pro Gruppe (Richtgrösse 11 Plätze)
- Hort: ca. 15–20 % Führungszeit pro Gruppe (Richtgrösse 22 Plätze, aufgrund kürzerer Präsenzzeiten und Schulferien)
Dabei ist zu berücksichtigen, wie stark die Leitung bei den administrativen Arbeiten von einem Sekretariat oder einer Schulverwaltung unterstützt wird. Auch spielen kontextuelle Gegebenheiten und kantonale Vorgaben eine Rolle.
Punkt 2: Fokussierung der Gruppenleitung ermöglichen
Gruppenleitungen sollten neben ihrer Führungs- und Betreuungsrolle nicht auch noch eine Ausbildungsrolle ausüben. Als Gruppenleitung und Fachperson sind sie ja bereits stark genug gefordert. Die Kinderbetreuung stellt ihr Kerngeschäft dar und umfasst meistens ein grösseres Pensum. Für die reine Führungsarbeit sollte ein Pensum von 5 – 10 % definiert sein. Die Ausbildung der Lernenden lässt sich gut an andere Fachpersonen (z.B. an Miterzieher/Innen) oder an die zentrale Ausbildungsverantwortliche übertragen.
Punkt 3: Stellvertretung klar definieren
Für stellvertretende Leitungen gilt: Ist diese Person gleichzeitig Gruppenleitung, greift das obige Modell. Kommt nun noch die Funktion als STV hinzu, ist auch hier der Führungsaufwand zu definieren. Bei einer echten Stellvertretung – im Gegensatz zu einer blossen Platzhalter-Stellvertretung – liegt das abzugrenzende Pensum ebenfalls bei vielleicht 5 – 10%. Von Ausbildungsaufgaben sollte die Stellvertretung komplett entlastet werden, da die Belastungsgrenze sonst überschritten wird.
Punkt 4: Leitungsteam bilden und nutzen
Im Zuge einer solchen Konzentration entsteht ein Kernteam mit Führungsverantwortung. Nun ist es ein kleiner, aber wirkungsvoller Schritt zur Bildung eines Leitungsteams. Zusammengesetzt aus Kita- oder Hortleitung, STV und Gruppenleitungen kann es monatlich gruppenübergreifende Themen behandeln. Das verteilt die Führungsverantwortung auf mehrere Schultern, entlastet die Kita- oder Hortleitung nachhaltig und sorgt dafür, dass betriebliche Entwicklungen von allen gemeinsam getragen werden.
Unnötige Komplizierung durch Prinzip der Co-Leitung
In Kitas und Kinderhorten sind sogenannte Co-Leitungen nicht unüblich. Es gibt Betriebe, die schwören darauf. Andere wiederum möchten davon nichts wissen. Was mich betrifft: Auch ich bin kein Freund von Co-Leitungen. Zwar kann dieses Prinzip ausgezeichnet funktionieren, wenn die beiden Kolleg/Innen gut eingespielt sind und die Chemie zwischen ihnen stimmt. Doch wird es wackelig, wenn eine der beiden Personen den Betrieb verlässt und eine passende Nachfolge gesucht werden muss. Zudem stellt sich bei Co-Leitungen immer die Frage, wer die Gruppe führt. Dies ist nicht immer klar. Ja, oft ist es sogar so, dass keine wirkliche Führung der Gruppe besteht.
Abgesehen davon dürfte aus meinen obigen Darlegungen deutlich geworden sein, dass ich ein klar definiertes Gruppenleitungsmodell bevorzuge. Denn bei einer Co-Leitung werden die Zusatzaufgaben auf zwei Schultern verteilt, das heisst es leiden zwei Personen unter einer Mehrfachbelastung. Das muss nicht sein.
Fazit: Reduzierung von Aufgaben erhöht die Qualität
Weniger Rollen bedeuten mehr Qualität. Die Umverteilung von Aufgaben und die Neuorganisation der Arbeit sind keine unnötigen Luxusmassnahmen, sondern eine Notwendigkeit. Sie tragen dazu bei, dass sich die Führungs- und Fachpersonen auf die Hauptaufgaben konzentrieren können. Nur wenn der Spagat verkleinert wird, bleiben sie motiviert und ist eine effizientere und effektivere Führung von Gesamtbetrieb und Gruppen möglich. Dies wiederum schafft die Grundlage für weitere positive Entwicklungen in Kita und Hort, beginnend mit der Bildung eines starken Leitungsteams.
Die Umsetzung der vier Punkte ist nicht trivial. Vielmehr bedarf es eines gut geplanten Change-Managements, idealerweise in Form eines Entwicklungsprojekts. Für Unterstützung steht Päda.logics! gerne zur Verfügung.


