Der deutsche Bund der Gewerkschaften (DGB) veröffentlichte im September den diesjährigen Ausbildungsreport über die Zufriedenheit von Lernenden mit ihrem Lehrbetrieb. Er beruht auf einer Befragung von 18‘627 Lernenden in den 25 häufigsten Lehrberufen. Das ist eine wirklich solide Datenbasis!

Der Report enthält einige erstaunliche Zahlen: Zwar sind 71.5% der deutschen Lernenden mit ihrer Ausbildung zufrieden. Doch arbeiten rund 33% nicht mit einem Ausbildungsplan. 10% müssen häufig oder immer ausbildungsfremde Tätigkeiten ausüben. 14% der Lernenden werden selten oder nie von den Berufsbildner/Innen begleitet. Und 38 Prozent der Lernenden müssen regelmäßig durchschnittlich 4.3 Stunden pro Woche Überstunden machen.

Erschreckend, oder nicht? Angesichts dieser Ergebnisse fragt man sich, wie wohl die Situation in der Schweiz aussieht.

Grosse Qualitätsunterschiede zwischen Lehrbetrieben

Da die Beratung von Ausbildungsbetrieben zu meinen beruflichen Tätigkeiten gehört, weiss ich aus eigener Erfahrung, dass Lehrbetriebe mit der Ausbildung von Lernenden manchmal überfordert sind. Auch höre ich immer wieder von Lernenden, welche die Qualität der Ausbildung in ihrem Lehrbetrieb beklagen. Aufgrund von solchen Rückmeldungen komme ich seit Jahren zum Schluss, dass die Ausbildungsqualität in Lehrbetrieben sehr unterschiedlich sein kann. Auch wenn es viele ausgezeichnete Lehrbetriebe gibt, die Top-Arbeit leisten, sind auf der anderen Seite auch Ausbildungsorte zu verzeichnen, welche die hohe Qualität der schweizerischen beruflichen Grundbildung Lügen strafen.

Befragung von Lernenden in der Schweiz

Zurück zur Frage, wie sich die Situation in der Schweiz verhält. Auch hierzulande liegen Zahlen und Befragungen vor. Wichtige Erkenntnisse liefern die folgenden Umfragen:

Lernendenbarometer: Ergebnisse der Umfragen

Das Lernendenbarometer von yousty.ch zeigt, dass 75% der Lernenden mit dem Arbeitsklima in ihrem Lehrbetrieb zufrieden sind. Lernende in grösseren Lehrbetrieben sind zufriedener als Lernende in kleineren und mittleren Unternehmen (KMU’s). Viele Lernende bemängeln, dass ihre Berufsbildner/Innen zu wenig Zeit für sie haben.

Die Lernenden im Gastrogewerbe sind nur zu 60% mit ihrer Ausbildung zufrieden. Aus Sicht der Lernenden gibt es Handlungsbedarf bei den Arbeitszeiten, dem Umgangston und beim Lohn. Diese Mankos führen dazu, dass rund die Hälfte aller Lehrabgänger/Innen spätestens nach vier Jahren die Branche wechselt. Zudem besteht Handlungsbedarf bei der Ausbildung der Berufsbildner/Innen und der Anrechnung von ihrem Ausbildungsaufwand als Arbeitszeit. Offenbar werden die Lernenden in zahlreichen Lehrbetrieben während der Zimmerstunde von ihren Berufsbildner/Innen angeleitet.

Demgegenüber fühlen sich die Lernenden in den MEM-Berufen in den meisten Fällen gut betreut und unterstützt. Insgesamt sind sie mit den Ausbildungsbetrieben sehr zufrieden. Allerdings wünschen sie sich Verbesserungen in der Kooperation der Lernorte (Lehrbetrieb – Berufsschule – überbetriebliche Kurse) und eine bessere Verzahnung von Theorie und Praxis.

Die UNIA-Umfrage führte u.a. zu folgenden Ergebnissen: 83% der Lernenden stufen ihre Ausbildung als sehr gut oder gut ein. Jedoch gibt es Handlungsbedarf bei der Betreuung und Begleitung durch die Berufsbildner/Innen, denn 14% der Lernenden sind monatlich, 18% mehrmals pro Monat und 25% wöchentlich unbetreut. Eine Mehrheit von 55% Lernenden muss regelmässig Überstunden leisten, wobei ein Viertel der Lernenden die geleisteten Überstunden weder entlöhnt noch kompensiert erhält. Zudem belegt die Umfrage eine grössere Unzufriedenheit mit dem Lohn, die im Verlauf der Lehrjahre zunimmt.

Fazit: Handlungsbedarf in der beruflichen Grundbildung

Wie die Ergebnisse zeigen, lässt sich somit auch in der Schweiz ein Entwicklungs- und Handlungsbedarf feststellen. Er betrifft u.a. die Unterstützung der kleineren Lehrbetriebe, die Begleitung der Lernenden durch die Berufsbildner/Innen, die Überstunden, die Ausbildungslöhne und die Koordination der Lernorte sowie von Theorie und Praxis. Also gibt es einiges zu tun!

Übrigens: Was die Zeit der Berufsbildner/Innen für die Lernenden und die Koordination mit der Berufsschule betrifft: Die obigen Ergebnisse korrelieren mit den Ergebnissen der aussagekräftigen LiSA-Studie (2013), die von der PH St. Gallen durchgeführt wurde. Im Projekt LiSA wurden 843 Lernende aus insgesamt 13 beruflichen Grundbildungen (Gesundheits- und Sozialberufe sowie Bauberufe) sowie die Berufsbildner/Innen befragt. Obwohl 90% (!) der befragten Lernenden mit ihrer Ausbildung zufrieden sind, gab rund ein Drittel der Berufsbildner/Innen an, zu wenig Zeit für die Ausbildung ihrer Lernenden zu haben. Zudem beurteilten knapp 40% der Berufsbildner/Innen den Kontakt zur Berufsfachschule als mangelhaft.

 

In diesem Beitrag erwähnte Quellen:

Ausbildungsreport 2015 des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB)

Pressemeldung des Deutschen Gewerkschaftsbunds über den Ausbildungsreport

Lernendenbarometer 2015 von yousty

Status Quo bei der Zufriedenheit der Lernenden in der Gastronomie

Die Sicht der Jugendlichen. Resultate der Online-Befragung 2014 und der Swissmem-Lernendenkonferenz

Unia Lehrlingsreport Ergebnisse der Lehrlingsumfrage 2013 / 2014

LiSA Lernende im Spannungsfeld von Ausbildungserwartungen, Ausbildungsrealität und erfolgreicher Erstausbildung. Projektbericht.

 

Siehe auch den folgenden Beitrag im Päda.blog!:

Empfehlungen für Berufsbildner/Innen in Lehrbetrieben