Was macht Lehrbetriebe für Lernende attraktiv? Wodurch wird eine Ausbildungsstätte für Lehrstellensuchende interessant? Weshalb sollen sich Lernende für den einen und nicht für den anderen Betrieb entscheiden?

Genau diese Fragen wurden mir vor einiger Zeit von einem Journalisten gestellt. Er bat um ein Interview zu diesem spannenden Thema. Zusammen mit anderen Partnern beantwortete ich seine Fragen, so dass er einen guten Beitrag über Bildungsmarketing und die Rekrutierung von Lernenden veröffentlichen konnte.

Solche Fragen gefallen mir ausgezeichnet! Sie geben die Möglichkeit, etwas breiter auszuholen. Allerdings kamen im publizierten Artikel einige Aspekte zu kurz, weshalb ich sie an dieser Stelle vertiefen will.

Grundhaltungen

Vergleicht man Lehrbetriebe untereinander, stellt man rasch einmal grosse Unterschiede fest. Sie zeigen sich bereits in den Grundhaltungen, so z.B. darin, ob ein respektvoller Umgang mit Lernenden besteht, ob ihnen auf gleicher Augenhöhe begegnet wird und ob sie zu grösseren Leistungen ermutigt werden. Unterschiede zeigen sich weiter in der Präsenz der Berufsbildner/Innen, im Grad der Verbindlichkeit der Anleitung der Lernenden und im Interesse an deren Interessen. Zudem spielt das Vorhandensein eines motivierenden Arbeitsklimas eine Rolle, zu deren Elementen auch eine intakte Fehler- und Feedbackkultur gehören. Nicht zuletzt ist die Wertschätzung von Bedeutung, die Lernenden entgegengebracht wird und die sie insbesondere für gute Leistungen erhalten. Das dürfen dann durchaus auch besondere Benefits sein.

Formale Eckpfeiler

Lehrbetriebe unterscheiden sich auch im Umgang mit den formalen Eckpfeilern. Diese sind: 1. Die Ausbildungsplanung, die z.B. semesterweise erfolgen kann. 2. Die Erstellung der Lerndokumentationen durch die Lernenden und die Form der Beurteilung durch die Berufsbildner/Innen. 3. Die Erstellung der Bildungsberichte und die Durchführung der Bildungsberichtgespräche. 4. Das Qualifikationsverfahren als IPA oder VPA. Nicht alle Betriebe nehmen diese Pfeiler gleich ernst. Gerade was die Qualität der Ausbildungsplanung betrifft, gibt es grosse Unterschiede. Dasselbe gilt für die Lerndokumentationen. Immer wieder hört man von Lehrbetrieben, in denen Lernende entweder keine Gelegenheit für die Erstellung der Dokumentationen oder aber kein Feedback dazu erhalten. Und da und dort gibt es sogar Fälle, in denen Lernende keine Lerndokumentationen verfassen müssen.

Standards

Sehr praktisch sind Standards, mit denen Fragen zur Organisation des Ausbildungsalltags geklärt werden können. Diese betreffen z.B. die formalen Eckpfeiler, die Ausbildungsmittel, die Infrastruktur, das Zeitliche, die Sitzungsgefässe für die Ausbildung usw. Viele Lehrbetriebe haben diese Punkte nicht geregelt, weshalb es immer wieder Unklarheiten gibt. Wichtig sind z.B. Antworten auf die Fragen: Wieviel Arbeitszeit pro Woche dürfen die Berufsbildner/Innen für die Anleitung und die Lernenden für ihre Ausbildung aufwenden? Wieviel Arbeits- und Projektdokumentationen müssen die Lernenden pro Semester erstellen? Wie oft pro Monat findet eine Ausbildungssitzung statt und wie lange darf sie dauern? Ein Beispiel, wie Ausbildungsstandards definiert werden können, befindet sich hier.

Spielräume

Neben Standards und einheitlichen Regelungen benötigen Lernende Spielräume für die Verwirklichung eigener Ideen. Sie sollten Dinge ausprobieren, experimentieren und persönliche Projekte verfolgen können. Ausbildung wird erst dann so richtig spannend, wenn man der eigenen Nase folgen darf. Dazu benötigen manche Lernende – nicht alle – eine lange Leine. Hierzu bedarf es Berufsbildner/Innen, welche ein Klima der Motivation erzeugen und etwas von ihrem eigenen Forschergeist weitergeben, Dadurch können Lernende Feuer fangen. Das könnte womöglich sogar dazu führen, dass sich Lernende ermutigt am Wettbewerb „Schweizer Jugend forscht“ beteiligen. Ebenfalls nötig sind Spielräume für die gemeinsame Reflexion: Einerseits für das Nachdenken über die jeweiligen Lernprozesse und Ergebnisse, anderseits überhaupt für die Reflexion des Alltags und der Zusammenarbeit. Das braucht jedoch entsprechend Zeit und Freiräume.

Produktivität

Eine der grössten Stärken der Berufsbildung ist die handlungsorientierte Ausrichtung. Viele schulmüde Jugendliche suchen sich eine Lehrstelle, weil sie arbeiten und nicht mehr in die Schule gehen wollen. Lernende möchten in der Regel also Verantwortung übernehmen und etwas zur Produktivität des Betriebs beitragen. Jedoch: Nicht alle Lehrbetriebe nutzen diese Chance, was durchaus nicht immer an den Lernenden – und deren teilweise eingeschränkter Verantwortungsfreude – liegt. Vielmehr nehmen viele Lehrbetriebe das didaktisch wichtige Prinzip der vollständigen Handlung noch zu wenig ernst. Das führt dazu, dass Lernende teilweise zu wenig Verantwortung übernehmen dürfen. Berufsbildner/Innen sollten Lernenden sukzessive Autonomie ermöglichen und Spielräume verschaffen, damit sie produktiv werden können. Gute Möglichkeiten dafür sind Kundenaufträge – Aufträge also, in denen die Kund/Innen involviert und betroffen sind. Denn Lernende lernen am Besten im direkten Kundenkontakt.

Interaktionen im lehrbetrieblichen Kontext

Auch folgende Punkte haben einen Einfluss auf die Attraktivität des Lehrbetriebs: Der Kontakt mit den anderen Lernenden z.B. in einer Lerngruppe oder an regelmässigen Lernenden-Treffen; die Einbettung in und die Teilnahme an Teamanlässen des Gesamtbetriebs; die Gelegenheit zur Teilnahme an Weiterbildungen; und die Möglichkeit, die Gruppe oder Abteilung zu wechseln und – falls vorhanden – Einblick in andere Standorte zu erhalten. In diesen Zusammenhang gehört auch der Blick hinter die Kulissen, für den Lernende meistens offen sind. Ein Blick also darauf, wie der gesamte Betrieb funktioniert, was dessen Eigenheiten sind und unter welchen Voraussetzungen er seine Ziele verfolgt.

Schlussfolgerungen fürs Bildungsmarketing

Was von diesen Punkten kann sich Ihr Lehrbetrieb selber auf die Fahne schreiben? Was können Sie im Bildungsmarketing Ihres Lehrbetriebs hervorheben? Wie positionieren Sie Ihren Lehrbetrieb, um sich von der Konkurrenz abzuheben?

Diskutieren Sie diese Fragen doch mit Ihren Kolleg/Innen und Lernenden. Nehmen Sie den vorliegenden Beitrag als Übersicht, um eine Standortbestimmung vorzunehmen. Ziehen Sie die nötigen Schlüsse daraus und halten Sie aus Ihrer Sicht den Handlungsbedarf fest. Daraus lassen sich Massnahmen und Ziele ableiten. Machen Sie Ihren Lehrbetrieb noch attraktiver, als er bereits ist. Und überlegen Sie, wie und wo Sie diese Plus-Punkte knackig kommunizieren können – z.B. auf der Website Ihres Betriebs, in einer Ausbildungsbroschüre oder in einem Ausbildungsflyer. Bekennen Sie sich zu einer attraktiven Ausbildung in Ihrem Lehrbetrieb und zeigen Sie dies auf!

Weiterführende Informationen

Artikel von Fabrice Müller in Bildungsmarkt Schweiz, Ausgabe 1 /2016.:
Lehrlingsrekrutierung: Wo bleibt der Nachwuchs?