In meiner Beratungstätigkeit erhalte ich immer wieder spannende Einblicke in Kinderhorte und die sog. Tagesstrukturen. Bedingt durch den steigenden Bedarf nach schulergänzenden Angeboten – Mittagstisch, Nachmittags-, Randstunden- und Ferienbetreuung usw. – sehen sich Trägerschaften, Gemeinden, Behörden und das Hortpersonal mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Im Folgenden möchte ich einige beleuchten und aufzeigen, welches wichtige Themen zur Entwicklung und Professionalisierung von Kinderhorten sind.

Steigende Nachfrage und rasches Wachstum

Zuvorderst steht die je nach Region teilweise sehr rasch wachsende Nachfrage nach Mittagstisch- und Hortplätzen. Vor allem dort, wo die Gemeinden aufgrund kantonaler Regelungen verpflichtet sind, ein bedarfsgerechtes Angebot sicherzustellen, war und ist der Ausbau teilweise enorm. Deshalb platzen die Kinderhorte oft aus allen Nähten. Die Räumlichkeiten erweisen sich bereits nach kurzer Zeit immer wieder als zu klein, weshalb sie erweitert oder gar neue Standorte gesucht werden müssen. Da die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten nicht immer einfach ist, wird in vielen Gemeinden improvisiert. Dabei stellt man fest, dass eine umsichtige Raum- und Bedarfsplanung unumgänglich ist, da und dort aber fehlt.

Angebots- und Raumplanung

Für die schulergänzende Kinderbetreuung gibt es verschiedene Träger-Modelle. Teilweise existieren private Träger. Meistens aber liegt die Trägerschaft bei den Schulbehörden. Raumplanung bedeutet deshalb Schulraum-Planung. Diese erweist sich immer als komplex und bringt zahlreiche Akteure an den Tisch. Dabei werden die Kinderhorte noch nicht überall wie selbstverständlich mitberücksichtigt. Im Gegenteil, sie und ihre Bedürfnisse werden vernachlässigt und noch sehr oft als blosse Anhängsel der Schule betrachtet. Die Vertreter der Kinderhorte müssen sich deshalb stark machen und verlangen, dass man sie partnerschaftlich einbezieht. Denn Kinderhorte sind keine nur «ergänzenden» Angebote, welche bloss nachrangig eine Rolle spielen.

Partnerschaftliche Grundhaltung

Dem Grundsatz der Partnerschaftlichkeit ist auch im Alltag mehr Rechnung zu tragen. Noch ist es nicht überall selbstverständlich, dass Schulleitungen und Schulkollegien dem Hortpersonal auf gleicher Augenhöhe begegnen. Oft fehlt es an Gefässen für Austausch und Zusammenarbeit. Die Ursache ist nicht immer nur die fehlende Zeit, sondern auch der mangelnde Wille. Allerdings sind daran nicht nur die Vertreter/Innen der Schule «schuld», sondern auch das Hortpersonal. Denn als sehr massgebend erweist sich die Sichtweise, welche das Personal vom Auftrag der Kinderhorte besitzt. Gleichermassen bedeutsam ist das Selbstverständnis des Personals von seiner eigenen Fachlichkeit.

Auftrag der Kinderhorte

Kinderhorte lassen sich entweder als blosse Betreuungsorte oder aber auch als Orte mit einem Erziehungs-, Bildungs- und Lernauftrag verstehen. Nicht jedes Hort-Team steckt den Auftrag eines Kinderhorts derart weit. In der heutigen Zeit spielt die Trias von Betreuung, Erziehung und Bildung jedoch eine zunehmende Rolle. Kinderhorte bloss auf die Betreuung zu reduzieren, bedeutet sie zu unterschätzen. Zwar geht es immer zunächst um das Wohl der Kinder, welches es zu pflegen gilt. Darüber hinaus haben Kinderhorte aber z.B. auch das soziale Lernen im Blick, welches Aspekte der Erziehung tangiert oder die individuelle Förderung, welche die (Persönlichkeits-)Bildung betrifft. Kinderhorte sollten sich deshalb auf einen umfassenden Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsauftrag stützen.

Pädagogisches Grund- und Selbstverständnis

Diese «ganzheitliche» Sicht auf den Auftrag der Kinderhorte beinhaltet ein pädagogisches Grundverständnis. Denn pädagogisch arbeiten bedeutet, sich auf Betreuung, Erziehung, Bildung, Entwicklung und Lernen zu beziehen. Viele Kinderhorte kranken aber daran, dass ihrem Personal dieses pädagogische Selbstverständnis fehlt. Es ist jedoch eine Voraussetzung dafür, um gegenüber Behörden, Schulleitungen und Schulkollegien selbstbewusster aufzutreten und sich als gleichwertiger pädagogischer Partner in Diskussionen einzubringen.

Laien und Profis

Eine Schwierigkeit auf dem Weg, sich in einem Kinderhort als pädagogisch tätige, professionelle Belegschaft zu verstehen, ist der Umstand, dass sich ein grosser Teil des Teams aus Laien ohne pädagogische Ausbildung zusammensetzt. Ja, in vielen Hort-Teams befinden sich die Fachleute mit einschlägiger Ausbildung in der Minderzahl. Deshalb stellen die Entwicklung einer gemeinsamen pädagogischen Haltung und der Aufbau eines WIR-Gefühls für die Hortleitungen grosse Herausforderungen dar. Manchmal fehlt die gemeinsame Haltung, weil «die Profis» auf der einen und «die Laien» auf der anderen Seite unterschiedliche Meinungen im Umgang mit Kindern haben. Das kann mitunter sogar zu konflikthaften Polarisierungen der Meinungen führen.

Diese auf der personellen Ebene angesiedelte Problematik wird zusätzlich verstärkt durch die Tatsache, dass die Träger von Kinderhorten in vielen Gemeinden die Schulpflegen sind. Diese stellen Laiengremien dar, was unter Umständen – je nach persönlicher und politischer Gesinnung der gewählten Vertreter/Innen – dazu führen kann, dass Hortleitungen oft viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, um ihren Bereich weiterzuentwickeln.

Professionalisierung und Organisationsentwicklung

Angesichts solcher Umstände ist es nicht verwunderlich, dass Kinderhorte einen hohen Bedarf an Professionalisierung und Entwicklung aufweisen. In verschiedenen Evaluationen konnte ich feststellen, dass es vielerorts an Grundlagen, Strukturen und Ressourcen fehlt. Ebenfalls konstatieren lässt sich, dass es zahlreiche interessante Potenziale für die Professionalisierung der Horte gibt. Man müsste sie in Form von Entwicklungsprojekten lediglich nutzen. Wie die Erfahrungen zeigen, kommt man im Rahmen von gut geführten, einjährigen Projekten und mit einem schlanken Projekt-Team bereits sehr weit.

Grosser Einsatz der Hort-Teams

Die Verhältnisse in den Kinderhorten sind noch nicht überall optimal. Ich staune immer wieder, welche Leistungen das Hortpersonal täglich erbringt. Hut ab vor diesen Teams und wie sie sich den Anforderungen stellen. Hier ein paar Stichworte: Grosse Horte mit vielen Kindern. Viele Kinder, die über Mittag zu betreuen sind. Keine oder bloss mangelhafte Aufteilung auf Kindergruppen. Zu viele Kinder in einem Raum. Lärmbelastete Räume mit mangelhafter Schallisolierung. Ungeeignete, zu kleine, zu wenig unterteilte und mangelhaft ausgestattete Räume. Grosse Altersspanne, Kinder vom Kindergarten- bis zum Oberstufenalter, also Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Räume, die für jüngere Kinder keinen Rückzug bieten. Räume, die für Kinder mit stärkerem Bewegungsdrang unpassend sind. Zu viel Dynamik, zu viel Unruhe. Zu wenig personelle Ressourcen, zu wenig Ressourcen für Führung, zu wenig Weiterbildung. Zu wenig Aufgabenteilung, so dass alle alles machen.

Diese Aufzählung liesse sich problemlos fortsetzen. Wie man sieht, gibt es viel zu tun. Packen wir die Professionalisierung der Kinderhorte und Tagesstrukturen deshalb an. Sie haben es verdient.