Personalmangel im Betreuungsbereich: Alles andere als lustig

Pflegepersonen sind körperlich und psychisch belastet

Wie ist das nun genau mit dem Personalmangel im Betreuungsbereich?

Im Gesundheitsbereich spricht man schon seit langem von einem akuten Personalnotstand. Die Auswirkungen auf die Gesundheit des Personals sind bekannt und sehr gut erforscht. Unter den physischen Belastungen stehen Muskel- und Skelett-Erkrankungen an erster Stelle, psychische Erkrankungen nehmen zu.

Ähnlich prekär verhält es sich im Pflegebereich. Die Basler SHURP-Studie (Swiss Nursing Homes Human Resources Project, 2013) gelangte zum Schluss, dass Personalmangel und hoher Arbeitsaufwand zu den stärksten Stressfaktoren der Pflegenden zählen. Der Grossteil der Befragten (71%) leidet an Rücken- oder Kreuzschmerzen, die Hälfte hat Gelenk- oder Gliederschmerzen und zwei Drittel äussert Energielosigkeit. Bemängelt wird, dass Möglichkeiten zur Pflegeplanung und Dokumentation reduziert werden und den Pflegenden oft die Zeit fehlt, sich über den Zustand der BewohnerInnen zu informieren.

Fachkräftemangel und Stress im Betreuungsbereich

Auch das Betreuungspersonal im Sozialbereich bleibt von solchen Entwicklungen nicht verschont. Savoirsocial spricht deshalb ebenfalls von einem Fachkräftemangel. In einem Brief an den Bundesrat Schneider-Ammann wünscht sich die Dach-ODA auch für den Sozialbereich eine Fachkräfteinitiative. Sie stützt sich dabei auf die Studie «Fachkräftesituation im Sozialbereich» (2011) und ist aktuell in die Vertiefungsstudie «Fachkräfte- und Bildungsbedarf in ausgewählten Berufsfeldern des Sozialbereichs» involviert.

Vor diesem Hintergrund reiht sich eine weitere aktuelle Studie ein Sie betrifft die Kinderkrippen. Die Zürcher Kita-Personalstudie (2014), welche von der Universität Zürich durchgeführt wurde, kommt zu brisanten Ergebnissen. Dazu wurden über 1000 Fachpersonen in den von der Stadt Zürich subventionierten rund 200 Kitas befragt. Die Resultate decken sich mit den Erkenntnissen der STEGE-Studie zur Strukturqualität und Erzieherinnengesundheit in Kindertageseinrichtungen (2013), die für Deutschland zu denselben Schlüssen gelangt.

Einen ausführlichen Beitrag über die Ergebnisse der Studie finden Sie ebenfalls im Päda.blog!

Missliche personelle Situation und tiefe Arbeitszufriedenheit

Die Resultate lassen aufhorchen, denn die Arbeitsbedingungen in den Kinderkrippen erweisen sich teilweise als misslich. Die Personalsituation scheint in etwa der Hälfte der befragten Kitas instabil zu sein. Rund die Hälfte der befragten Personen äussert, dass eine personelle Unterbelegung teilweise oder sogar immer der Fall sei. Nur 20% gab an, dass in ihrer Kita immer genügend Personal anwesend ist. Deshalb kann der erforderliche Betreuungsschlüssel oft nicht eingehalten werden. Wie sich zeigt, ist die Arbeitszufriedenheit des Betreuungspersonals deutlich tiefer als in anderen Berufen. Zudem teilen 65% der Betreuungspersonen mit, dass sie sich manchmal oder oft erschöpft und ausgelaugt fühlen.

Alle diese Befunde decken sich mit den Erkenntnissen aus meinem Beratungsalltag. Ich treffe regelmässig Betreuungsinstitutionen an, die infolge personeller und gesundheitlicher Probleme überfordert sind. Viele befinden sich in einem Teufelskreis von Personalmangel und steigenden Anforderungen, aus dem sie manchmal kaum herausfinden. Was aber kann man dagegen tun?

Aushilfspool, Imagekampagne, Coaching

Die AutorInnen der Zürcher Studie formulieren 19 Empfehlungen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen und leiten Massnahmen davon ab. Diese sollen die Ressourcen des Betreuungspersonals stärken und die Belastungen reduzieren. Sie betreffen verschiedene Dimensionen der Arbeit von Kinderkrippen. Einige der interessanteren Ideen lauten:

  • Vermehrte Aufsichtskontrollen durchführen
  • Zeitaufwand für Vor- und Nachbereitung von Sitzungen, Beobachtungen und Entwicklungsdokumentationen, Schreibarbeiten seitens Betreuungspersonal usw. in den Krippenrichtlinien verankern
  • Betriebsübergreifende SpringerInnenpools einrichten und finanziell fördern
  • Unabhängige und niederschwellige Beschwerdestelle einrichten
  • Standards für die Anleitung von Lernenden und PraktikantInnen festlegen und vereinheitlichen
  • Unterstützungsangebote wie Coaching für BerufseinsteigerInnen bereitstellen
  • Trägerschaften im Bereich der Frühpädagogik, der Betriebswirtschaft und des Gesundheitsmanagements schulen
  • Imagekampagne für die Kinderbetreuung lancieren

Zur Einrichtung von Aushilfs- und Springerpools: Dies scheint mir einer der wirksamsten Hebel zu sein. Die Umsetzung einer solchen Massnahme ist aber nicht niederschwellig zu haben, denn die personalrechtlichen und finanziellen Hürden sind hoch. Deshalb würde es sich hier mit der finanziellen Unterstützung durch das Gemeinwesen lohnen, ein Pilotprojekt zu realisieren.

Zur Imagekampagne für Kinderkrippen: Diese Idee betrachte ich ebenfalls als sinnvoll. Man müsste sie aber als Fachkräftekampagne gestalten und dafür sorgen, dass der Betreuungsberuf in Zukunft verstärkte Anerkennung erfährt. Dabei ginge es auch um die Klärung von Lohnfragen.

Zum Coaching für BerufseinsteigerInnen: Diese Massnahme finde ich sympathisch. Sie greift aber zu kurz. Viele Personalprobleme haben nicht nur mit einem Fachkräftemangel, sondern auch mit Fehl-Management seitens Trägerschaft und Leitung zu tun. Deshalb müsste es vor allem auf dieser Ebene attraktive Unterstützungsangebote geben. Deutschland macht es in Form eines spannenden Pilotprojekts vor: Im Modellversuch «Pädagogische Qualitätsbegleitung Bayern (PQB)» erhalten Kitas ein umfassendes Coaching zur Stärkung ihrer Professionalität.

An den Wurzeln ansetzen

Allerdings setzen diese Massnahmen nicht bei den Wurzeln an. Diese liegen nach meinem Dafürhalten anderswo, nämlich in den strukturellen Rahmenbedingungen des Berufsfeldes. So etwa beim geringen Anteil professioneller Fachleute (da sich ca. die Hälfte des Krippenpersonals aus Personen in Ausbildung bzw. ohne Ausbildung) zusammensetzt oder den minimalen Anforderungen der Krippenrichtlinien oder der Tatsache, dass die Mehrheit der Kinderkrippen von kleinen privaten und semi-professionellen Organisationen getragen wird.

Jedoch: Wenn man den Hebel hier ansetzen würde, steht man vor einem grossen Dilemma. Denn echte Lösungen verteuern das Angebot. Sie haben eine Auswirkung auf den Preis und führen zur Frage: Was ist uns die Betreuung wert und was darf sie kosten? Deshalb liebe Leserin und lieber Leser, fragen Sie sich bitte: Wie hoch würde der Preis für Ihr Angebot ausfallen, um aus dieser Misère heraus zu finden? Klar ist: Lösungen kosten Geld.

 

2018-05-18T16:59:56+00:00Mai 11, 2015|Categories: Alle Beiträge, Kinderbetreuung|Tags: , , , |

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