Mit dem Argument, gegen Billigarbeit und Ausnutzung von jungen Menschen antreten zu wollen, machen KIBESUISSE, SAVOIRSOCIAL, Gewerkschaften sowie Vertreter von Bund und Kantonen gegen das Praktikum in Kinderkrippen mobil. Dies ist an sich nichts Neues, denn KIBESUISSE, SAVOIRSOCIAL und VPOD haben zum Beispiel bereits vor einiger Zeit klare Position in dieser Frage bezogen. Vgl. dazu die folgenden Links:

Praktika im Sozialbereich, Empfehlungen von SAVOIRSOCIAL, 1.2010
Musterarbeitsvertrag, VPOD, Herbst 2015

Mit dem Ziel, breiter abgestützte konkrete Massnahmen gegen das Einstiegspraktikum zu ergreifen, geht die Diskussion nun jedoch in eine neue Runde, wie verschiedene Entwicklungen und z.B. folgende Beiträge zeigen:

Erklärung von SAVOIRSCOCIAL, 21.3.2017, auf der Website von KIBESUISSE
Kurzbeitrag von KIBESUISSE, 3.2017
Artikel im «Der Bund», 16.3.2017
Artikel im «Der Bund», 18.3.2017
Mitteilung VPOD, 16.3.2017

Die Diskussion zur Abschaffung des Praktikums wird da und dort schon fast polemisch geführt. An dieser Frage scheiden sich die Geister. Ein Praktikum kann nämlich durchaus auch eine gute Sache sein. Selbstverständlich sind dabei verschiedene Voraussetzungen zu erfüllen, wobei ich meine Gedanken dazu bereits an anderer Stelle in einem Blogbeitrag  und im Päda.tipp! unter dem Titel «Pro und Kontra Praktikum in sozialen Organisationen» darlegte.

Kanton Bern schiebt Kinderkrippen einen Riegel

Zur heutigen Situation: Der Kampf gegen das Praktikum soll nicht nur im Feld der Kinderbetreuung, sondern auch im Bereich der Alters- und Behindertenbetreuung ausgefochten werden. Als erster Kanton legt sich Bern ins Zeug. Die Massnahmen betreffen zunächst die Kinderkrippen und gehen weit. Bereits ab August 2017 sollen Praktika dort nur noch höchstens sechs Monate dauern. Bei längeren Praktika ist ein Monatslohn von mindestens Fr. 3000 zu bezahlen. Es sei denn, dass der Betrieb eine Lehrstelle zusichert. In diesem Fall soll ein Praktikum mit dem bisherigen Lohn um sechs Monate verlängert werden dürfen.

Zuständig für die Umsetzung dieser Massnahme ist die kantonale Arbeitsmarktaufsicht Kamko. Sie will damit die Ausbeutung Jugendlicher als billige Arbeitskräfte unterbinden. Bei den Kinderkrippen, welche mit Jugendlichen zum heutigen Zeitpunkt bereits einen Praktikumsvertrag abgeschlossen haben, will die Kamko den Zeitpunkt des Vertragsabschlusses berücksichtigen.

Kleine Kinderkrippen werden es schwer haben

Der Kanton Bern macht einen ersten Schritt, andere Kantone werden nachziehen. Klar ist: Solche Bestrebungen führen zu einigen Konsequenzen. Gerade für kleinere Betriebe sind die finanziellen Auswirkungen gross. Ohne Erhöhung der Elternbeiträge ist dies kaum zu machen. Das wiederum beeinträchtigt die Konkurrenz- und Marktfähigkeit. Zudem mischt diese Entwicklung das gesamte Lohngefüge einer Kinderkrippe auf: Wenn Praktikant/Innen Fr. 3000.- verdienen sollen, wie ist dann der Lohn im Anschluss an die Lehre anzusetzen? Heute liegt er in vielen Kinderkrippen bei etwas über Fr. 4000.-. Die Differenz zu Fr. 3000.- für eine ungelernte Person ist also schon fast beschämend klein.

Wichtige Angebote an der Nahtstelle 1

Wichtig zu wissen ist, dass Berufsvorbereitungsjahre (=10. Schuljahr), Brückenangebote und Motivationssemester nicht von diesen Massnahmen betroffen sind. Diese richten sich «nur» gegen das sogenannte unabhängige Praktikum, das zu keinem Anschluss führt. Gemäss Berufsbildungsgesetz (Art. 12) müssen die Kantone nämlich Massnahmen ergreifen, um Personen mit individuellen Bildungsdefiziten am Ende der obligatorischen Schulzeit auf die berufliche Grundbildung vorzubereiten (sog. Berufsvorbereitungsjahre). Allerdings ist in der Berufsbildungsverordnung (Art. 7) definiert, dass diese Angebote höchstens ein Jahr dauern dürfen.

In Gesprächen mit Fachleuten stelle ich immer wieder fest, dass die verschiedenen kantonalen Angebote im Übergangsbereich von der Volksschule in die berufliche Grundbildung teilweise unbekannt sind. Tatsächlich ist es aber so, dass an der sog. Nahtstelle 1 interessante Angebote bestehen (die Nahtstelle 2 betrifft den Übergang nach Lehrabschluss in die Arbeitswelt). Sie kombinieren Einsätze im Praktikumsbetrieb mit Schultagen. Eine Übersicht, die sich nach Kantonen und anderen Kriterien filtern lässt, findet man auf dem Portal www.berufsberatung.ch. Neben den kantonalen gibt es auch private Angebote, die unter Umständen besser bekannt sind, so etwa das Berufsvorbereitungsjahr der BKE oder das Sozialjahr.

Ich selber habe gute Erfahrungen mit den Angeboten im Bereich der Nahtstelle 1 sammeln können. Es lohnt sich, sie genauer zu prüfen und das eigene Interesse als Praktikumsbetrieb dort anzumelden. Dies umso mehr, wenn das Berner Beispiel auch in anderen Kantonen Schule machen sollte. Zudem ist es sinnvoll, die Begrifflichkeiten zu klären, wozu das Dokument «Praktikum in einem sozialen Beruf» der Berufsberatung im Kanton Zürich hilfreich ist.

Nachträgliche Anmerkung zu diesem Blogbeitrag

Am 10.4.2017 nahm KIBESUISSE Stellung zur ganzen Kontroverse rund um das Praktikum.
Zur Stellungnahme